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Wir sind dabei! Kommunikative Hürden im Alltag

Auf welche kommunikativen Hürden stossen ältere Menschen mit einer körperlichen, kognitiven oder psychischen Behinderung im Alltag; wo bestehen Schwierigkeiten, verstanden und berücksichtigt zu werden? Und wo bestehen welche Ansätze und Lösungen, diese Hürden zu beseitigen oder doch mindestens zu senken? Diese Fragen wurden im Kolloquium von Age Plus am 21. Oktober 2025 besprochen.

Ergebnisse eines Kolloquiums für Menschen mit und ohne Behinderung über Hürden in der direkten oder digitalen Kommunikation mit Behörden, mit Institutionen oder im öffentlichen Verkehr.

Autor

Hans Rudolf Schelling

Schriftführer

06.12.2025

Gruppenbild

Wir sind dabei! Kommunikative Hürden im Alltag

Der Verein Age Plus führte am 21. Oktober 2025 ein Kolloquium für und mit Menschen mit Behinderung und Fachleute durch. Es nahmen 25 Personen teil.

Nach der Begrüssung durch Annette Paltzer, Präsidentin Age Plus, führte René Kälin, Präsident der Vereinigung Cerebral Schweiz und Berater bei der SBB bezüglich Lösungen für Menschen mit Behinderung (und selber Rollstuhlfahrer), in die Thematik ein. Er berichtete vor allem aus seinen Erfahrungen im Bereich des öffentlichen Verkehrs.

Anschliessend präsentierte Urs Haas, pensionierter Landschaftsgärtner und derzeit in Ausbildung als Inklusionsberater, seinen Input insbesondere zu Fragen der Kommunikation, der leichten Sprache und der Teilhabe in Bildung und Politik.

Nach einer ersten Gesprächsrunde gestalteten René und Isa, Bewohner:innen des Wagerenhofs in Uster, weitere Inputs. René ist ebenfalls pensionierter Gärtner, Isa arbeitet im Team Unternehmenskommunikation der Stiftung Wagerenhof mit. Sie berichteten aus der Betroffenenperspektive über Schwierigkeiten und Lösungen der Teilhabe für Menschen, die sich nur schwer bzw. nur mit Hilfsmitteln verständlich machen können.

An drei Tischen, moderiert von Angela Grossmann, Walter Locher und Hansruedi Schelling, tauschten sich die Teilnehmenden über die angesprochenen Themenbereiche aus. Themen, Anregungen und Ideen sind nachfolgend stichwortartig zusammengefasst.

Bericht als PDF-Datei

Mündlicher Bericht (Audio-Datei, 7 Minuten, Schweizer Mundart)

Ergebnisse

Bereich öffentlicher Verkehr (Eisenbahn, Tram, Bus, Flugzeug)

Problembereiche:

  • Fahrplan mit (zu) knappen Umsteigzeiten
  • Nicht alle Züge sind für Menschen mit Behinderung (insbes. mit Rollstuhl) zugänglich; auf gleicher Strecke oft nicht an allen Tagen vorhanden
  • Rollstuhleingang beim Zug oft nicht am angegebenen Ort ( Zeit wird knapp)
  • Zu wenig Platz für Rollstühle im Waggon (Bahn, Tram)
  • (Elektro-)Rollstühle: Kollisionsgefahr mit anderen Passagieren
  • Lift: zu weit entfernt und/oder schlecht zu finden, oft zu klein, schlechte Beleuchtung, manchmal Zugang versperrt
  • Rampen: gut, dass sie meist vorhanden sind, aber oft zu steil (Unterführungen)
  • Signaletik, Hinweise: Anzeigetafeln zu weit oben, keine Kennzeichen am Boden
  • Tram: Türen schliessen zu schnell, andere Passagiere unterstützen nicht

Ideen, Anregungen zur Verbesserung:

  • Infosäule mit Rufknopf
  • «Zweisinnlichkeit»: mehrere Sinne (Sehen, Hören, Tasten) ansprechen / zugänglich machen
  • Orientierung im Raum und in Medien erleichtern durch mehr Einheitlichkeit, positive Routine und Normen
  • Hinweis auf Callcenter Handicap der SBB (Tel. 0800 007 102, Mail handicap@sbb.ch)

Bereich Inklusion in Bildung und Politik

  • Bildung als Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt
  • Politische Bildung und Begleitung/Unterstützung: Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen ermöglichen/erleichtern; Inklusion bedeutet nicht nur leichte Sprache
  • Zugang und Chancengerechtigkeit erfordern mehr Assistenz und (proaktive) Information; Rechte einfordern!
  • Europäischer Protesttag 5. Mai (jährlich): Menschen mit Behinderung fordern ihre Rechte ein
  • Hinweis auf Inklusionsinitiative (Volksinitiative auf Bundesebene in der Schweiz)

Bereich Information/Kommunikation allgemein

  • Informationen und Kommunikation oft nur noch mit Handy/Mobiltelefon zugänglich, sollte nicht so sein
  • Künstliche Intelligenz (KI), unterstützte Kommunikation (UK) und Robotik:
    • Chance beim Einsatz als Unterstützung, aber auch:
    • Gefahr der Konkurrenz für menschliche Kommunikation und einfache Arbeitsfelder
      → Zweischneidigkeit sichtbar machen, diskutieren!
  • Informationsplattform, -angebot von Cerebral Schweiz ist in Vorbereitung (online und offline)

Anderes / Allgemeines

  • Sich um alles kümmern zu müssen braucht sehr viel Kraft!
  • Vernetzung von älteren Menschen mit Behinderung ist wichtig
  • Zugänglichkeit (gemäss Behindertengleichstellungsgesetz BehiG) betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern alle Menschen und alle Altersgruppen («Boomer» und Familien mit Kindern als potenzielle Verbündete)
  • «Barrierefreiheit» ist oft nominell erfüllt, ist aber in der Praxis für Betroffene häufig nicht brauchbar, weil «ohne uns» entwickelt
  • Inklusion ist am ehesten fortgeschritten im Bereich Kultur; auch Fortschritte, nicht nur Defizite wahrnehmen!
  • Förderung der Inklusion am wirksamsten durch Aktivitäten von Gruppen von Betroffenen; weniger durch Organisationen im Sinn von «top-down», von oben nach unten
  • Häufig unklar: Welches sind die richtigen Anlaufstellen für Menschen mit Behinderung im Alter? Kompetenzen zu Behinderungsfragen/IV vs. Altersfragen/AHV, z. B. Pro Infirmis oder Pro Senectute?

 

Das Kolloquium wurde mit einem Apéro und informellen Gesprächen zwischen den Teilnehmenden abgeschlossen.