Gegen die Einsamkeit im Alter – Wege zur Partizipation auch mit einer Behinderung

Ein Interview mit PD Dr. med. Albert Wettstein, Stiftungsrat der Elly Schnorf Schmid Stiftung, Leitungsmitglied des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich und Vorsitzender der Fachkommission Zürich der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA).

Das Interview führten Annette Paltzer und Hans Rudolf Schelling am 22.01.2024

Herr Dr. Wettstein, ist Einsamkeit ein Problem, das im Alter in stärkerer oder in anderer Form als in früheren Lebensphasen auftritt? Wenn ja, wie und weshalb?

Einsamkeit ist einer der stärksten Risikofaktoren für die physische und psychische Gesundheit; sie kann im Alter zu früher Pflegebedürftigkeit und zu einem frühen Tod führen. Umgekehrt begünstigen eine eingeschränkte Mobilität oder eine Pflegebedürftigkeit die soziale Isolation und damit häufig auch die Entstehung von Einsamkeit. Eine Schwierigkeit bei der Bekämpfung von Einsamkeit ist deren gesellschaftliche Stigmatisierung, welche die Erreichbarkeit einsamer Menschen zusätzlich erschwert. Gemäss aktuellen Forschungsergebnissen der Universität Turku (Finnland) zu Einsamkeit sind nur 5 % der Einsamen überhaupt für entsprechende Programme erreichbar. Einsame Menschen sind häufig nicht bereit, etwas gegen ihre Einsamkeit zu unternehmen. Auch der Schweiz gibt es derzeit verschiedene Studien und Initiativen zum Thema der Einsamkeit im Alter, etwa seitens Gesundheitsförderung Schweiz, Public Health Services und Stiftungen.

 

Inwiefern macht eine vorbestehende oder neu auftretende Behinderung dabei einen Unterschied?

Einschränkungen im Bereich der Mobilität, der Sinnesorgane oder der Kognition erschweren die Herstellung und die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte und der Partizipation, was zu sozialer Isolation und zu Einsamkeit führen kann. Auch Massnahmen gegen die Einsamkeit sind für Menschen mit einer alters- oder anderweitig bedingten Behinderung nochmals schwerer zugänglich.

Eine lebenslange Behinderung führt zu einer anderen Sozialisation, zu anderen Lebenserfahrungen, was sich auf das Lernen und die Anpassung an sich verändernde Lebensbedingungen auswirkt. So werden Menschen mit Behinderung häufig lange von ihren Eltern unterstützt; wenn diese selber pflegebedürftig werden oder sterben, fallen sie als Betreuungspersonen und Sozialkontakte weg. Andererseits kann eine Behinderung aber auch zur Entwicklung besonderer Ressourcen im Umgang mit Herausforderungen führen.

Bei Menschen mit Behinderung ist der Übergang ins AHV-Alter eine besondere Herausforderung, indem bisherige Leistungen der IV etwa für Betreuung im AHV-Alter nicht mehr im vollen Umfang finanziert werden; das stellt eine Altersdiskriminierung dar.

 

Welche Strategien zur Bekämpfung von Einsamkeit versprechen einen guten Effekt? Spielt dabei die Art einer Behinderung eine Rolle?

Eine erfolgversprechende Intervention ist zum Beispiel der «Sozialkontakt per Präskription», das heisst die ärztliche Verordnung von Massnahmen, die den Sozialkontakt fördern. Erfolgreich sind insbesondere Massnahmen, die von Gleichaltrigen getragen werden, sogenannten «Peers»; hier ist die Freiwilligenarbeit sehr wichtig. Der Kontakt kann leichter gefunden werden, wenn die potenziellen Kontaktpartner ähnliche Merkmale aufweisen wie man selbst. Das gilt auch für Behinderungen. Gut eingespielt haben sich die Witwentreffen der reformierten Kirche Zürich-Höngg, wo auch Besuche zu Hause oder gemeinsame Ausflüge am Sonntag gemacht werden. Gerade Wochenenden können das Gefühl der Einsamkeit stark befördern, es ist daher sinnvoll, am Wochenende etwas anzubieten. Auf die Zusammensetzung ist aber gut zu achten: Bei Witwentreffen sollten keine Witwer dabei sein, da eine «Brautschau» den Zweck gefährden kann. Auch zivilgesellschaftliche bzw. freiwillige Interventionen sollen wenn möglich professionell begleitet sein, etwa durch eine sozial kompetente Sozialarbeiterin.

Ein gutes, professionell unterstütztes Angebot ist die Spitex++, bei der es nicht um Pflege, sondern um soziale Betreuung, Begleitdienste und Unterstützung im Alltag geht. Dafür braucht es Fachleute für Betreuung (FaBe), Agog*innen und – im Hintergrund – ausgebildete Sozialarbeiter*innen.

«Peer-Netzwerke» sind für Menschen mit Behinderung besonders wichtig. Hier können vor allem schon bestehende, behinderungsspezifische Netzwerke und Organisationen eine wichtige Rolle spielen. Unterschiedliche Behinderungen führen zu unterschiedlichen Bedingungen und Interessen, daher ist nicht so sehr eine bestehende Behinderung an sich, sondern deren Art von Bedeutung.

 

Welche Akteure sind dabei besonders herausgefordert? Welche Rahmenbedingungen sind hilfreich oder notwendig?

Nötig sind lokale und regionale Angebote und Netzwerke; das gilt für den professionellen wie für den freiwilligen, zivilgesellschaftlichen Bereich. Trägerschaften können etwa Vereine und andere privat-gemeinnützige Organisationen, aber auch Gemeinden oder Konkordate von Gemeinden sein. Deren Angebote sollen sich nach den Interessen der Betroffenen richten, das heisst, dass diese Interessen erhoben werden müssen und dass es unterschiedliche Angebote für verschiedene Zielgruppen braucht.

 

Was müsste sich im Bereich Wohnen und Betreuung ändern, um (chronische) Einsamkeit gar nicht erst entstehen zu lassen oder sie abzumildern?

Spezifische Wohneinrichtungen für alte und behinderte Menschen können den Charakter einer «Einzelkäfighaltung» entwickeln. Bewohner*innen sind häufig nicht motiviert, an einer Gemeinschaft teilzunehmen, sondern ziehen sich häufig in ihr Zimmer oder ihre Wohnung zurück. Hier gilt es, Treffpunkte mit funktionalem Bezug zu schaffen, z.B. die Umgebung von Briefkästen und Waschküchen wohnlich zu gestalten, so dass man sich gern dort aufhält und so in Kontakt kommt. Die Einrichtungen sollten eine Mitwirkung und eine Mitgestaltung von Angeboten ermöglichen, so dass man sich einbringen und sozial teilhaben kann. Die Kommunikation (mit nicht lokal Anwesenden) kann auch mit technischen Mitteln stattfinden; dafür ist neben der technischen Infrastruktur ein Lernangebot (Kurse, Unterstützung) nötig.

Die Finanzierung von Assistenzdiensten als Alternative zu stationären Wohn- und Pflegeeinrichtungen im Alters- und Behindertenbereich unterstützt die Autonomie der Betroffenen, kann aber die Gefahr der Vereinsamung verschärfen, wenn die bisher unumgänglichen Kontakte in der Institution wegfallen. Hier sind neue Kontakt- und Partizipationsangebote – im Rahmen der Assistenz und darüber hinaus – nötig. Organisationen wie der Verein «leben wir du und ich» in Zürich sind dafür wegweisend.

 

Welche Rolle spielen dabei die finanziellen Ressourcen der Person und die Unterstützung durch Sozialversicherungen bzw. das Sozialwesen?

Soziale Teilhabe ist häufig auch eine Frage der materiellen Ressourcen. Derzeit werden Vorstösse und ein Vorschlag des Bundesrats in den Eidgenössischen Räten behandelt, die Assistenzbeiträge für Betreuung auch im AHV-Alter ermöglichen wollen, finanziert über Ergänzungsleistungen. Reiche können sich soziale und kulturelle Teilhabe sowie Betreuung leisten, für Menschen ohne eigene Mittel gibt es zum Teil schon Angebote, die öffentlich finanziert sind. Für den unteren Mittelstand aber wird es häufig eng.

Neben der Finanzierung durch die Individuen selbst oder durch den Bund, die Kantone und Gemeinden können Projekte und Interventionen auch durch Stiftungen getragen werden; diese können im Vergleich zur öffentlichen Hand häufig flexibler und schneller eine Finanzierung etwa für Pilotprojekte sicherstellen.

Beispielsweise leistet die Elly Schnorf-Schmid Stiftung (ESSS) Beiträge an steuerbefreite gemeinnützige oder von der Öffentlichkeit unterstützte Institutionen für Projekte, die es älteren Personen (mit oder ohne vorbestehende Behinderung) ermöglichen, im vertrauten Wohnumfeld zu bleiben.

Das aktuelle Tätigkeitskonzept der Elly Schnorf Schmid Stiftung

Anstossfinanzierung für und zeitlich beschränkte finanzielle Partizipation an Projekten von gemeinnützigen oder öffentlichen anderen Institutionen mit ausführungsreifen oder bereits angelaufenen Konzepten, welche zum Zwecke haben, es älteren Personen zu ermöglichen, so lange als es möglich und als es sinnvoll erscheint, am bisherigen vertrauten Wohnort verweilen zu können und dafür auf Dauer angelegte gesundheitliche, haushaltsmässige und soziale Unterstützung durch betreuende Personen und durch geeignete Hilfsmittel zu erhalten. Solche Unterstützungen können einmal oder auf begrenzte Dauer periodisch sein. 

 

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Termine für die Einreichung von Gesuchen erfolgt mit Formular, jeweils Mitte April und Anfang September.

Ansprechperson

PD Dr. med. Albert
Wettstein